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Die Wärmeglocke unter dem Gebäude: Warum die Bodenplatte nur am Rand Wärme verliert

Jakob Kroschel
7. Okt.
7 Min. Lesezeit

Bei einer energetischen Sanierung wird meist über Fassade, Dach und Fenster gesprochen. Ein Bauteil fällt dabei regelmäßig aus der Diskussion, obwohl es die ganze Grundfläche des Gebäudes einnimmt: die Bodenplatte. Nicht weil sie unwichtig wäre, sondern weil scheinbar nichts an ihr zu machen ist. Das stimmt für die Fläche. Für den Rand stimmt es nicht – und der Rand ist die Stelle, an der es zählt.

Warum lässt sich die Bodenplatte im Bestand nicht einfach nachdämmen?

Weil sie unter dem Gebäude liegt. Eine Fassade kann man einpacken, ein Dach aufdoppeln – die Bodenplatte erreicht man nur von innen. Das heißt: Bodenaufbau heraus, Nutzung stoppen, im schlechten Fall in die Tragstruktur eingreifen. Bei laufendem Betrieb scheidet das meist aus.

Bei einer Schule, einer Kita oder einem Verwaltungsgebäude ist das keine theoretische Hürde. Der Boden müsste raumweise geöffnet werden, der Betrieb weichen, und am Ende steht ein Aufwand, der in keinem Verhältnis zum energetischen Gewinn steht. In der Praxis wird die Bodenplatte deshalb häufig einfach so gelassen, wie sie ist.

Der Anspruch bleibt trotzdem. Für Gebäude des Bundes gelten seit dem Kabinettsbeschluss vom August 2021 die Energieeffizienzfestlegungen des Bundes: Sanierungen sind mindestens auf dem Niveau eines EffizienzgebäudeBund 55 zu planen, und der Bestand soll bis 2045 saniert sein. Kommunale Gebäude stehen über Förderprogramme unter vergleichbaren Anforderungen.

Damit entsteht die eigentliche Problemstellung: Ein Bauteil, das an jedem Quadratmeter Grundfläche beteiligt ist, soll energetisch besser werden – und ist gleichzeitig das einzige, an das man nicht herankommt. Genau hier setzt der Randdämmstreifen an.

Was ist ein Randdämmstreifen?

Ein Dämmstreifen, der nur am Rand der Bodenplatte liegt, nicht unter der ganzen Fläche. Entweder waagerecht vom Gebäude weg unter der Geländeoberfläche oder senkrecht an der Außenwand nach unten. Er dämmt keine Fläche, sondern verlängert den Weg, den die Wärme nach außen nehmen muss.

Das ist ein anderer Gedanke als beim Dämmen einer Wand. Dort geht es um die Menge: mehr Dämmstoff, weniger Verlust. Beim Randdämmstreifen geht es um eine Stelle. Er sitzt nicht dort, wo die Fläche ist, sondern dort, wo die Wärme abfließt. Warum das nicht dasselbe ist, zeigt ein Blick unter das Gebäude.

Warum verliert eine Bodenplatte in der Mitte kaum Wärme?

Weil das Erdreich unter ihr die Dämmarbeit übernimmt. Wärme fließt nicht senkrecht nach unten ab, sondern breitet sich räumlich aus und muss den weiten Weg bis zur Außenluft nehmen. Unter der Gebäudemitte ist dieser Weg so lang, dass kaum etwas verloren geht.

Man kann sich das als Glocke vorstellen. Unter dem beheizten Gebäude bildet sich im Erdreich ein warmer Bereich, der sich nach unten und zu den Seiten hin ausdehnt – annähernd glockenförmig. Über eine konstante Heizperiode stellt sich dort ein nahezu stabiler Zustand ein. Das Erdreich unter der Gebäudemitte nimmt eine Temperatur an, die dem beheizten Raum darüber deutlich näher liegt als der Außenluft, und sie hält, weil die Wärme nicht seitlich entweichen kann.

Diese Wärmeglocke ist kein Rechenwert, sondern ein Bild. Sie erklärt aber, was Berechnungen bestätigen: Eine ungedämmte Bodenplatte verliert in der Mitte erstaunlich wenig. Nicht weil sie gut wäre, sondern weil das Erdreich unter ihr wie eine dicke, kostenlose Dämmschicht wirkt.

Warum sitzt der Wärmeverlust dann am Rand?

Weil dort der Weg kurz ist. Bodenplatte, Außenwand und Erdreich treffen zusammen, die Strecke bis zur kalten Außenluft schrumpft auf wenige Zentimeter, und die Wärmeströme bündeln sich. Es entsteht ein thermischer Kurzschluss zwischen beheiztem Innenraum und Außenluft. Genau dort setzt eine Randdämmung an.

Am Rand endet die Glocke. Was in der Mitte ein Umweg von mehreren Metern durch warmes Erdreich ist, wird an der Außenwand zu einer kurzen Abkürzung ins Freie. Die Wärme nimmt diesen Weg, weil er der leichteste ist – und sie nimmt ihn entlang des gesamten Gebäudeumfangs. Deshalb ist der Rand nicht ein Detail neben der Fläche, sondern der Ort, an dem der untere Gebäudeabschluss seinen Wärmeverlust erzeugt.

Ein Randdämmstreifen unterbricht diese Abkürzung. Er zwingt die Wärme zurück auf den langen Weg durch das Erdreich. Das ist der ganze Trick: nicht mehr Dämmstoff, sondern Dämmstoff an der richtigen Stelle. Und es ist der Grund, warum eine Maßnahme, die nur einen Streifen abdeckt, für die gesamte Bodenplatte wirkt.

Horizontal oder vertikal – welche Randdämmung passt wohin?

Das entscheidet nicht die Physik, sondern der Platz. Die horizontale Variante führt waagerecht vom Gebäude weg und braucht Fläche neben dem Haus. Die vertikale läuft an der Außenwand nach unten und braucht Tiefe, also einen Graben entlang der Fassade. Beides wirkt, beides hat Grenzen.

Ausführung

Wie sie liegt

Übliches Maß

Was im Bestand dagegen spricht

Horizontal

waagerecht vom Gebäude weg, unter der Geländeoberfläche

5,0 m breit

Fläche fehlt: Zufahrt, Grundstücksgrenze, Leitungen, Baumbestand

Vertikal

senkrecht an der Außenwand nach unten

2,0 m tief

Aushub neben dem Fundament, Standsicherheit, laufender Betrieb

Im Bestand ist die vertikale Variante oft die realistischere, weil ein schmaler Graben genügt und die Außenanlage weitgehend unberührt bleibt. Wo dagegen ohnehin Freiflächen vorhanden sind – ein Schulhof, eine Grünfläche, ein Parkstreifen –, spielt die horizontale Variante ihren Vorteil aus: Sie bleibt vollständig außerhalb des Gebäudes und rührt die Tragstruktur nicht an.

Eine Bedingung gilt für beide. Als Randdämmung wird der Streifen im Nachweis erst anerkannt, wenn er einen Wärmedurchlasswiderstand von mehr als 2 m²K/W erreicht. Darunter existiert die Maßnahme rechnerisch nicht – unabhängig davon, wie lang oder tief sie ausgeführt wird.

Wie wird eine Randdämmung im Energienachweis berücksichtigt?

Im Regelfall über Temperatur-Korrekturfaktoren, kurz Fx. Sie senken nicht den U-Wert des Bauteils, sondern die wirksame Temperaturdifferenz – weil das Erdreich einen Teil der Dämmarbeit leistet. Der Wärmeverlust ergibt sich dann aus Fläche mal U-Wert mal diesem Faktor. Zwei Ausführungsmaße sind dabei vorgesehen.

Diese beiden Maße sind die 5,0 m waagerecht und die 2,0 m senkrecht aus der Tabelle oben. Wird eines von beiden gebaut und die Schwelle von 2 m²K/W gehalten, darf ein günstigerer Korrekturfaktor angesetzt werden als ohne Randdämmung. Mehr braucht der Standardfall nicht: Fläche und U-Wert der Bodenplatte stehen fest, der Faktor bringt Erdreich und Randbereich hinein. Die Werte dafür sind in DIN V 18599-2 tabelliert.

Das ist bewusst grob gehalten. Der vereinfachte Ansatz will nicht die Geometrie eines Anschlusses abbilden, sondern den Erdreicheinfluss mit wenigen Angaben in die Energiebilanz bringen. Für ein Gebäude, das ohnehin nach Schema gedämmt wird, ist das ausreichend und mit Abstand der schnellste Weg.

Der Preis dieser Einfachheit ist die Starrheit. Der vereinfachte Ansatz kennt genau diese zwei Maße – und sonst keine. Es gibt keine Tabellenzeile für 3 Meter waagerecht oder 1,5 Meter tief.

Was gilt, wenn 5 oder 2 Meter nicht möglich sind?

Dann trägt der vereinfachte Weg nicht mehr, denn er kennt nur diese beiden Maße. Für Zwischenlängen bleiben zwei Wege: eine Berechnung über die Formeln der DIN EN ISO 13370 oder eine numerische Simulation des tatsächlichen Anschlusses. Beide sind aufwendiger, beide liefern eine belastbare Zahl.

Weg

Was er abbildet

Wann er passt

Vereinfachter Ansatz

nur die beiden Standardmaße, über Korrekturfaktoren

das Standardmaß wird tatsächlich gebaut

Formelweg

beliebige Längen und Tiefen, über eine Rechenvorschrift

Zwischenmaße, ohne den Aufwand einer Simulation

Numerische Simulation

die tatsächliche Geometrie des Anschlusses samt Fundament

schwierige Bestandsdetails, wenn es belastbar sein muss

Der Formelweg ist der Mittelweg. Er rechnet den Wärmestrom über das Erdreich aus Geometrie und Dämmparametern und kann jede Länge abbilden, ohne dass ein Modell gebaut werden muss. Für viele Sanierungsfälle reicht das, um zu zeigen, dass eine verkürzte Randdämmung noch trägt.

Die numerische Simulation geht weiter. Sie rechnet den Anschluss so, wie er gebaut wird – mit Streifenfundament, Bodenaufbau und der tatsächlichen Lage des Dämmstreifens. Das ist die belastbarste Grundlage und gleichzeitig der größte Aufwand. Sinnvoll ist sie dort, wo die Randbedingungen ungewöhnlich sind oder wo eine Förderzusage von einigen Prozentpunkten abhängt.

Zu genau dieser Frage hat khb ingenieure eine Untersuchung an einem typisierten Verwaltungsgebäude fachlich begleitet, in der normgerechte und verkürzte Randdämmvarianten mit allen drei Verfahren gegenübergestellt wurden.

Die Reihenfolge in der Praxis ist damit klar: Erst prüfen, ob das Standardmaß baubar ist. Wenn ja, den vereinfachten Weg gehen. Wenn nein, entscheiden, ob der Formelweg reicht oder simuliert werden muss. Was man nicht tun sollte: die Randdämmung streichen, weil das Standardmaß nicht passt.

Speichert das Erdreich unter dem Gebäude Wärme?

Ja, aber im Nachweis kommt das nicht an. Die üblichen Verfahren rechnen mit konstanten Temperaturen. Tatsächlich nimmt das Erdreich unter einer Bodenplatte Wärme zeitweise auf und gibt sie zeitverzögert wieder ab. Über das Jahr dämpft das die Wärmeströme und verschiebt sie zeitlich.

Die Speichermasse unter dem Gebäude arbeitet also mit, wird aber nicht angerechnet. Ein Teil der Wärme, die im Sommer ins Erdreich wandert, kommt im Winter zurück. Wer stationär rechnet, sieht davon nichts – und liegt damit auf der sicheren Seite.

Erfassen ließe sich der Effekt nur mit dynamischen Verfahren, die Jahresverläufe von Außen- und Erdreichtemperatur abbilden statt fester Temperaturdifferenzen. Das ist heute kein Standard im Nachweis, sondern ein offenes Feld. Für die Praxis heißt das: Die Wärmeglocke ist eher noch günstiger, als die Rechnung sie zeigt.

Häufige Fragen

Ersetzt eine Randdämmung die Dämmung der Bodenplatte?

Nein. Sie entschärft den Rand, an dem sich der Wärmestrom bündelt, und lässt die Fläche unberührt. Bei einer Bodenplatte, an die man nicht herankommt, ist sie oft die einzige wirksame Maßnahme – ein Ersatz für eine Flächendämmung im Neubau ist sie nicht.

Wie kann ein Dämmstreifen für die ganze Bodenplatte wirken?

Weil er nicht die Fläche dämmt, sondern den Weg der Wärme verlängert. Der Verlust entsteht am Rand, wo der Weg ins Freie kurz ist. Wird dieser kurze Weg unterbrochen, muss die Wärme wieder durch das Erdreich – und das gilt für die gesamte Platte.

Ist eine kürzere Randdämmung als 5 oder 2 Meter zulässig?

Sie ist baubar und nachweisbar, aber nicht über den vereinfachten Weg. Der kennt nur die beiden Standardmaße. Für Zwischenlängen braucht es den Formelweg oder eine numerische Simulation des Anschlusses.

Gilt das auch für Schulen und Kitas?

Physikalisch ja, und meist besonders deutlich: große Grundfläche, langer Umfang, unzugängliche Bodenplatte, laufender Betrieb. Wie stark eine Randdämmung wirkt, hängt allerdings vom konkreten Grundriss und vom Bestandsaufbau ab und muss für jedes Gebäude gerechnet werden.

Wer bewertet eine Randdämmung im Bestand?

khb ingenieure aus Frankfurt am Main beurteilt den unteren Gebäudeabschluss von Bestandsgebäuden – vom vereinfachten Ansatz über den Formelweg bis zur numerischen Simulation des Anschlussdetails, für Wohn- und Nichtwohngebäude im gesamten Rhein-Main-Gebiet.

Fazit

Die Bodenplatte ist im Bestand kaum zu dämmen – ihr Rand dagegen oft schon. Unter der Gebäudemitte übernimmt das Erdreich einen Teil der Dämmarbeit, weil die Wärme dort einen langen Weg ins Freie hat. Am Rand fällt dieser Schutz weg, und genau dort entsteht der Verlust. Ein Randdämmstreifen unterbricht diese Abkürzung und wirkt damit für die ganze Platte. Für den Nachweis gilt: Wird das übliche Maß gebaut, reicht der vereinfachte Weg. Passt es nicht ins Grundstück, ist das kein Ausschluss – dann rechnet man es aus, über den Formelweg oder eine Simulation.

khb ingenieure prüft unverbindlich und meist in 1 bis 2 Werktagen, ob sich der untere Gebäudeabschluss Ihres Bestandsgebäudes über eine Randdämmung ertüchtigen lässt und welcher Nachweisweg dafür der passende ist – schicken Sie uns dafür Grundrisse, Schnitte und was zum Bodenaufbau vorliegt. Die anschließende vollständige Bearbeitung des Nachweises ist dann Gegenstand eines Angebots.

 
 
 

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